Wie der Titel ‚Dialektik der Aufklärung‘ (DdA) schon verdeutlicht, sehen Adorno und Horkheimer in der Aufklärung keine gradlinige Entwicklung, sondern vielmehr einen dialektischen Prozess. Unter anderem dies argumentieren sie in ihrem Buch und mit den Thesen, dass Mythos schon Aufklärung sei und Aufklärung in Mythologie zurück falle. Doch was genau bedeutet es Aufklärung dialektisch zu betrachten?

„Aber die Mythen, die der Aufklärung zum Opfer fallen, waren selbst schon deren eigenes Produkt […] Der Mythos wollte berichten, nennen, den Ursprung sagen: damit aber darstellen, festhalten, erklären.“ (DdA 2013: 14)

 

Begriff der Aufklärung

Zunächst zum Begriff der Aufklärung: Dieser ist von den Autoren umfassend gemeint und bezieht sich nicht ausschließlich auf das Zeitalter der Aufklärung, in welchem verstärkt sich auf die Relevanz von Vernunft sowie Naturwissenschaften berufen wurde. Vielmehr heißt es bei Adorno und Horkheimer über Aufklärung:

„Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie wollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen.“ (ebd.: 9)

Aufklärung wird verstanden als der Versuch sich vom Naturzwang zu lösen und ist mit diesem Verständnis bereits im Präanimismus zu finden. Die Autoren versuchen mit ihrem Blick auf die gesamte Geschichte der Zivilisation zu zeigen, wie die „Entstehen und Entwicklung der Vernunft den Menschen zwar ermöglicht, sich vom Naturzwang zu emanzipieren, sie aber zugleich immer tiefer in die Verstrickung mit Herrschaft über Ihresgleichen hineinführt“ (Schwandt 2010: 90) und nun, im Kontext der DdA, sich im Faschismus befindet, so ganz und gar nicht aufgeklärt und vernunftgeleitet.

 

Warum Aufklärung dialektisch ist

In Anlehnung an Hegels Geschichtsphilosophie blicken die Autoren für ihre Argumentation auf Geschichte als einem zusammenhängenden Vorgang: Ihre Entwicklung sei nichts zufälliges, sondern stets gekennzeichnet durch Spannungen sowie der Aufhebung von Widersprüchen in neuer Erkenntnis, beziehungsweise einem ‚Zustand höherer Ordnung‘. Berücksichtigung von Spuren des Vergangenen und Zeichen des Zukünftigen sowie die Welt als Totalität und sich dynamisch entwickelnde Ganzheit machen dieses Aufklärungs-Verständnis aus. Das Aufklärung dialektisch sei ist hier sowohl eine These, also auch Möglichkeit das Grauen im zeitlichen Kontext der DdA zu betrachten.

„Geschichte wird hier […] als ein zusammenhängender, folgerichtiger Vorgang betrachtet, in dessen jeweiligen Stufen eine zu weiterer Entwicklung treibende Spannung angelegt ist. Aber nicht mehr Erlösung, Versöhnung oder ein sonst wie glückseliger Zustand stehen am Ende dieses dialektischen Prozesses, sondern das absolute Grauen.“ (Schwandt 2010: 98)

Der Kontext der DdA, Nationalsozialismus und Holocaust, ‚eine neue Art von Barbarei‘, drängt zu der Frage, ob ein qualitativer Bruch in der Entwicklung der Menschheit durch die Aufklärung vielleicht noch gar nicht stattgefunden hat. Was ist aus der vernunftgeleiteten, glücksversprechenden Aufklärung geworden? Die These Horkheimer und Adornos: Aufklärung fällt in Mythologie zurück. Und so heißt es in der Vorrede der Dialektik der Aufklärung:

„Was wir uns vorgesetzt hatten, war tatsächlich nicht weniger als die Erkenntnis, warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt.“ (DdA 2013: 1)

 

Philosophische Fragmente

Das Buch endet mit einer Sammlung von Aufzeichnungen und Entwürfen, die thematisch in das Buch gehören, von den Autoren jedoch nicht in die vorherigen Kapitel integriert wurden.

Im letzten Teil werden Aufzeichnungen und Entwürfe publiziert, die teils in den Gedankenkreis der voraufgehenden Abhandlungen gehören, ohne dort ihre Stelle zu finden, teils Probleme kommender Arbeit vorläufig umreißen. (ebd.: 7)

 

Aus: Schwandt, Michael (2010): Kritische Theorie. Eine Einführung. 2. Aufl. theorie.org. Stuttgart: Schmetterling Verlag. 38-44, 89-99

& Adorno/Horkheimer (2013): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. 21. Aufl. Frankfurt a.M.: Fischer.